Digitale Transformation

 Tagungsbericht

Schweiz. Gesellschaft für Organisation (SGO): Herbsttagung Zürich 25.10.2018 – Sind Sie bereit für den radikalen Wandel? Führung gestalten, Werte neu leben

Die 42. Herbsttagung der SGO fand wie üblich im Park Hyatt Zürich statt und versammelte mit knapp 200 Teilnehmenden logischerweise weniger Publikum als ein Jahr zuvor an der Jubiläumsveranstaltung, als die SGO den 50. Geburtstag feiern durfte.

Der Morgen stand im Zeichen von Fachreferaten: (die Präsentationen sind zT in Kurzform hier online verfügbar)

Den Reigen eröffnete Monika Ribar, VR-Präsidentin der SBB. Sie zeigte anhand zahlreicher Beispiele, wie sich die Mobilität durch die digitale Transformation dramatisch verändern wird. Die entsprechenden Herausforderungen rufen nach starker Governance, weil die Mobilität wächst und zunehmend mit Unsicherheiten behaftet ist: Wie gehen wir zB mit den Kapazitätspotentialen um, die laufend durch neue Technologien entstehen?

Anschliessend gab Susanne Hahn (Director Business Innovation & Head of Lab1886 Global, Daimler AG) einen Einblick in die «globale Innovationsmaschinerie» von Daimler (https://www.lab1886.com/). Der Name knüpft bewusst an die Geschichte an, befanden sich doch die Gründer des heutigen Konzerns (Gottlieb Daimler und Carl Benz) auch in einer Garagensituation um mit Leidenschaft in einer Werkstatt neues zu schaffen. Das Lab1886 unterstützt als Inkubator der Daimler AG die Transformation vom reinen Automobilhersteller hin zu einem Mobilitätsanbieter (zB auch Drohnen) mit internationalen Standorten in Berlin, Stuttgart, Peking und Atlanta. Das Innovation Lab soll die besten Talente für digitale Innovationen in einem auf seine Art «gesponsorten Startup» vereinen («global company meets startup mentality»), um Ideen zur Reife zu bringen. Eine international gelebte Kultur von digitalen Architekten und Designern soll also neue Produkte und Services zur Marktreife bringen.

Der dritte Beitrag des Organisationssoziologen Stefan Kühl (LinkedIn) aus Bielefeld bot aus meiner Sicht einen erfrischenden Höhepunkt, hinterfragte er doch auf verblüffende Art wie sich Managementbegriffe und -moden verändern und doch immer wieder dieselben Diskurse rezyklieren.  Gewisse Managementkonzepte werden mit grossem Brimborium als innovativ präsentiert, dabei handelt es sich um postbürokratische Organisationsprinzipien, die bereits seit Langem bekannt sind, aber nur neu verpackt werden (zB Agilität). Dieser Drang nach Neuigkeitsdramatisierung sei nachvollziehbar, weil Manager, die neu in eine Organisation eintreten, sich meist gezwungen sehen durch begriffliche Innovationen Dinge (unnötigerweise) anders anzugehen als ihre Vorgänger. Dabei gehe es jedoch zu oft um die «Schau(show)-Seite», ohne die formalen und informalen Aspekte gebührend zu berücksichtigen!

Hier eine repräsentative Übersicht von Beispielen: diverse Muster können bis zum berühmten Bürokratietheoretiker Max Weber zurückverfolgt werden.

Die Erfindung neuer Namen für das immer Gleiche

«synthetic organizations» (Thompson 1967) «fractal company» (Warnecke 1993)
«organic forms of a company” (Burns/Stalker 1966) «modular factory» (Wildemann 1994)
«temporary society» (Bennis 1966) «knowledge creating company» (Nonaka 1995)
«adhocracies» (Toffler 1971, Mintzberg 1979) «boundaryless organization» (Ashena et al. 1998)
“Theory Z” (Ouchi 1981) “centreless organization”(Pasternack/Viscio 1998)
“integrative-innovative systems” ((Kanter 1983) “collaborative enterprise” (Campbell/Gould 1999)
“System 5” (Likert/Araki 1986) “horizontal organization” (Ostroff 1998)
“Model J” (Aoki 1988) “self-managing organization” (Purser/Cabana 1998)
“multicellular organization”(Landier 1989) “teal organization” (Laloux 2014)
“flex-firm” (Toffler 1990) “agile organization” (Holbeche 2015)
“learning organization” (Senge 1990) “holacratic organization” (Robertson 2015)
“intelligent organization” (Landier 1991) …..

 

Auf unterhaltsame Weise erklärte Kühl sodann, wie es denn zu ständigen Kontinuitäten und Brüchen in Organisationen kommt. Das Muster scheint immer dasselbe zu sein und läuft wellenförmig ab: Es beginnt mit einer Konstruktion „neuer Organisationstypen“:  1. Abbau von Hierarchien, Auflösungen von Abteilungen,  Zurücknahme von Formalisierungen. 2. Es wird versucht alte Ideen des Managements zu reaktivieren. 3. Es treten die bekannten Probleme postbürokratischer Organisationen auf: Politisierungsproblem, Komplexitätsproblem. Dann fängt das Ganze wieder von vorne an. Schliesslich erläuterte Kühl warum man trotz zweifelhaftem Nutzen solcher Moden vorsichtig mitreiten sollte.

Kühl zum nachhören und nachsehen: Youtube.

Mike Baur, Mitbegründer und erklärter «Akzelerist» der Swiss Startup Group AG (www.swissstartupfactory.com) erläuterte nach dem Lunch u.a. die Evaluationsmechanismen von neuen Startupfirmen. Dank einem guten Sponsor (Red Bull) ist es dieser in der Schweiz einzigartigen Plattform gelungen, sich im stark umkämpften Startup Markt zu behaupten. Erstaunlich ist dabei, dass der Mensch (soft skills) eine entscheidende Rolle bei der Selektion spielt, auch wenn man meinen könnte, dass eine gute Innovation für sich sprechen kann. Weit gefehlt! Es ist nicht primär die Geschäftsidee die zählt, sie kann noch so innovativ sein, wenn ihre Protagonisten und Know-How-Träger punkto Botschaften, Engagement, Begeisterung und Leidenschaft beim ersten Auftritt nicht überzeugen, fällt die Due Diligence schon mal durch. Solche Tatsachen sprechen für die Relevanz und Lebendigkeit der analogen Humanfaktoren angesichts des allgemeinen Trends zur Digitalisierung. Maschinen können offenbar (noch) keine glaubwürdige menschliche Überzeugungskraft generieren (simulieren).

Wer sich übrigens für das Innenleben von Startups interessiert, dem sei der Bestseller von Dan Lyons empfohlen: Disrupted. My Mis-adventure in the startup bubble (auch auf deutsch)

Es geht hier gleichzeitig um die Grenzen von künstlicher Intelligenz (KI).

Ob KI alles verändern wird wie Jürgen Schmidhuber (IDSIA Lugano, Institut für künstliche Intelligenz) in seiner eindrücklichen Keynote darlegte, bleibt offen.

Jedenfalls gab Schmidhuber faszinierende Einsichten in die Gegenwart und Zukunft der Möglichkeiten von KI. Künstliche neuronale Netze erledigen manche Aufgabe bereits besser als Menschen; automatisch entdecken sie u.a. Tumorzellen in menschlichem Gewebe, erkennen Sprache, Handschrift oder auch Verkehrszeichen für selbstfahrende Autos. Unsere automatischen Problemlöser werden zusehends vielseitiger und verfügen über mehr rohe Rechenkraft als ein Menschenhirn. Anhand einer formellen Theorie des Spasses erklärte Schmidhuber wie sogar Neugierde und Kreativität zu implementieren sind, um künstliche Wissenschaftler und Künstler zu bauen (Erzeugung von schöpferischem Selbstbewusstsein durch Rechner/Maschinen). Diese Entwicklung wird gem. Schmidhuber fast jeden Aspekt unserer Zivilisation sehr rasch sehr grundlegend verändern.

Tatsache ist, dass wir allgemein das menschliche Bewusstsein überschätzen, nach Schmidhuber ist es lediglich «ein Nebenprodukt der Datenkompression.» An sich ein unmenschlicher Satz, aber wir müssen uns damit abfinden, dass die Bedeutung des Menschen sinken wird. «Weil der Mensch an das Tempo der Evolution gebunden ist, kann er nicht mehr mithalten. Wahre künstliche Intelligenz könnte sogar das Ende der Menschheit bedeuten». (Stephen Hawking)

Das einfache Muster der exponentiellen Beschleunigung (entdeckt 2014), ist das wichtigste Ereignis in der Geschichte des Universums aus menschlicher Sicht!

Wir werden sehen wohin wir da gesteuert werden. Vorläufig wird die Welt und das Leben noch von einer instrumentellen (Un-)Vernunft getrieben. Zweifel an der Synthetisierung von Lebenswillen und (Selbst-)Bewusstsein sind angebracht. Hans Widmer hat kürzlich in der NZZ (15.9.2018, S.39) dargelegt, dass sich die Menschen nicht vor den Maschinen fürchten sollen, die sie selbst geschaffen haben. Jenseits von Science Fiction gilt immer noch: «Die unauflösbare Koppelung von Bewusstsein an Lebenswillen und zugleich das Unvermögen Leben zu synthetisieren, nehmen der künstlichen Intelligenz von vornherein jede Chance, Bewusstsein zu erzeugen.» Ja sicher, und vergessen wir nicht die Handlungsebene, auf der Bewusstsein durch einen lebendigen Organismus umgesetzt wird.

Fazit: Die Fachreferate von den Experten waren sehr ergiebig und inhaltlich gut kombiniert. Die Formate mit den themenzentrierten Workshop-Blöcken am Nachmittag sollten überdacht werden. Sie werden noch zu stark von den zugewiesenen Moderatoren dominiert. Die Interaktion unter den Teilnehmenden kommt zu kurz. Dafür ist der Tagungstarif zu hoch, die Kosten/Nutzen Relation hinkt.

 

J.Hagmann

25. November 2018

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